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Insights

24.09.2026

Holtzbrinck On: Creativity

Zwischen Algorithmus und Empathie: Warum unsere Verlagskultur der wahre Wettbewerbsvorteil im KI-Zeitalter ist

In den letzten Monaten vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht über Künstliche Intelligenz sprechen. Meistens dreht sich die Diskussion dabei um Automatisierung und Effizienz: Wie strukturieren wir Marktdaten schneller? Wie behalten wir den Überblick über globale Trends? Wo können wir administrative Abläufe im Vertrieb oder in der Logistik straffen?

Das ist alles wichtig, um als Verlagsgruppe handlungsfähig zu bleiben. Aber wenn wir ehrlich sind, löst dieser Fokus auf die reine Optimierung bei vielen von uns – und gerade bei unseren Autorinnen und Autoren – eine leise Sorge aus. Die Sorge, dass am Ende alles nur noch gemessen und in starre Kennzahlen gepresst wird. Dass das Herzstück unserer Arbeit – das Entdecken von Geschichten und das feinsinnige Gestalten von Büchern – von Algorithmen verdrängt wird.

Diese Sorge ist mehr als nachvollziehbar. Für mich greift diese reine Effizienz-Diskussion viel zu kurz. Wenn wir KI nur als Mittel zur Rationalisierung sehen, übersehen wir das, was uns als Gruppe und Verlage wie S. Fischer, Rowohlt, Droemer Knaur, Kiepenheuer & Witsch, Fischer Sauerländer oder Argon eigentlich stark macht: unsere Menschen, unsere Kreativität und unsere einzigartige Kultur.

Warum wir Inseln für das Ungeplante brauchen

Der echte Wert im Verlagswesen, die originellen Buchprojekte, die Entdeckung neuer literarischer Stimmen oder eine überraschende Werbekampagne entstehen selten nach Plan oder im perfekten Algorithmus. Sie entstehen im Überraschenden, im Ungeplanten und im Zufall. Es ist der plötzliche Einfall beim Gespräch in der Kaffeeküche, der inspirierende Gedanke im Flur nach einem intensiven Lektorats-Meeting oder der kreative Funke, der beim informellen Austausch über ein Manuskript überspringt. Das sind Momente, die sich weder messen noch automatisieren lassen.

Gerade im Verlag dürfen wir die Räume für diese Zwischenmenschlichkeit nicht wegrationalisieren. Im Gegenteil: Wir müssen uns im Verlagsalltag ganz bewusst Inseln für das Zufällige und Ungeplante erhalten. Die Beziehung zu unseren Autorinnen und Autoren, das feine Gespür für gesellschaftliche Trends und die verlegerische Intuition leben von diesem Freiraum.

In einer Welt voller hochentwickelter künstlicher Intelligenz gewinnen drei Dinge massiv an Wert: persönlicher Geschmack, originelles Denken und emotionale Verbindung. Genau das ist unsere Kernkompetenz. KI ist hervorragend darin, uns den „ersten Entwurf“ zu liefern – sei es bei einem Report, einer Datenzusammenfassung oder einem ersten Werbetext. Das spart uns ungeliebte Fleißarbeit. Doch die eigentliche Magie, der echte Mehrwert, entsteht erst danach: im kreativen Feinschliff, im Verknüpfen völlig unerwarteter Ideen, im Hinterfragen von Mustern und im feinen Gespür für Zwischentöne.

KI als Werkzeug, der Mensch als Gestalter

Das bedeutet im Umkehrschluss keineswegs, dass wir die Technologie ignorieren sollten. Ganz im Gegenteil: Wir müssen und werden KI überall dort intensiv nutzen, wo sie uns als smartes Werkzeug unterstützt. Bei der Strukturierung großer Datenmengen oder zur fundierten Entscheidungsvorbereitung ist KI eine enorme Hilfe. Sie kann historische Muster auf dem Buchmarkt sichtbar machen, die uns sonst entgehen würden.

Aber das ist eben nur die vorbereitende Zuarbeit. Eine KI analysiert die Vergangenheit – aber sie kann nicht zuverlässig die Zukunft voraussagen. Sie erkennt keine neue, bahnbrechende literarische Stimme und sie spürt nicht, was die Gesellschaft morgen bewegen wird. Die KI liefert uns Optionen und Analysen, aber sie nimmt uns nicht die Entscheidung ab. Sie übernimmt keine Verantwortung und sie ersetzt das verlegerische Bauchgefühl nicht.

Unsere Vielfalt als echter Vorsprung

Man kann unsere Publikumsverlage bei Holtzbrinck als ein lebendiges, kreatives Ökosystem verstehen. Es lebt von der Vielfalt der unterschiedlichen Verlagsprofile, den verschiedenen verlegerischen Perspektiven und vor allem von Vertrauen. Technologie und smarte Tools kann jeder Marktteilnehmer einkaufen. Aber die spezifische Kultur, die unverwechselbare Identität unserer Verlage und die kollektive schöpferische Kraft unter unserem gemeinsamen Dach sind nicht kopierbar.

Einer KI fehlen von sich aus Kontext und Empathie. Sie spürt nicht, wenn eine Autorin oder ein Partner heute eine besonders feinfühlige, menschliche Betreuung braucht. Sie weiß nicht, wie sich der Zeitgeist von morgen anfühlt oder wie man ein Team nach einer intensiven Projektphase wieder motiviert. Genau in dieser menschlichen Verbindung liegt unser entscheidendes Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb.

Neue Räume für verlegerischen Mut

Ich wünsche mir, dass wir diese neue Technologie als Einladung verstehen, noch mutiger zu werden. Nutzen wir die gewonnene Effizienz nicht, um uns zurückzulehnen, sondern um unseren verlegerischen Möglichkeitsraum zu erweitern. Lasst uns Projekte, Formate und Innovationen angehen, die uns früher zu komplex, zu risikoreich oder zu zeitaufwendig erschienen.

Zusammenarbeit bedeutet für mich heute, Räume zu schaffen, in denen Menschen durch Technologie unterstützt werden, um über sich hinauszuwachsen – ohne dabei das Menschliche zu verlieren. Wenn wir eine Kultur pflegen, in der die Maschine die Plackerei übernimmt, damit wir uns voll und ganz auf Originalität, Kontext und echte Begegnungen konzentrieren können, dann ist KI kein Risiko für das Buch. Dann ist sie der stärkste Rückenwind, den wir je hatten.

 

Claudia Häußermann ist CEO der Holtzbrinck Buchverlage. Sie verbindet die starken Traditionen der Verlagshäuser mit innovativen Lösungen für die sich wandelnden Bedürfnisse der Leser und einen dynamischen Buchmarkt.

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