Untersuchung von Digital Science zeigt: Millionen an Steuergeldern flossen an Forschende mit Verbindungen zu fiktivem Netzwerk
Forschende, die mit einem fiktiven Forschungsnetzwerk und angeblichen Förderquellen in Verbindung stehen, haben gemeinsam Millionen US-Dollar an öffentlichen Forschungsgeldern für laufende Studien erhalten – unter anderem aus den USA, Japan, Irland und weiteren Ländern. Das geht aus Untersuchungen hervor, die von Dr. Leslie McIntosh, Vice President Research Integrity bei Digital Science, geleitet wurden.
Die Ergebnisse ihrer Recherchen werfen ernsthafte Fragen zur Verantwortlichkeit im Umgang mit zweifelhaften Forschungs- und Publikationspraktiken auf.
„Dieser Fall zeigt, wie Schwachstellen in Forschungs- und Publikationssystemen gezielt ausgenutzt werden können, um das System zum eigenen Vorteil zu manipulieren“, sagt Dr. McIntosh.
Dr. McIntosh, eine der Mitbegründerinnen der Bewegung Forensic Scientometrics (FoSci), stellte ihre Analyse in dieser Woche auf dem 10. International Congress on Peer Review and Scientific Publication in Chicago vor. Ihr Vortrag trug den Titel:
„Manufactured Impact: How a Non-existent Research Network Manipulated Scholarly Publishing“.
Ohne einzelne Forschende namentlich zu nennen, konzentrierte sich die Präsentation auf eine Gruppe, die unter dem Namen Pharmakon Neuroscience Network auftrat – eine Organisation, die in Wirklichkeit nie existierte. Dieses angebliche Netzwerk wurde zwischen 2019 und 2022 in mehr als 120 wissenschaftlichen Publikationen genannt, bevor es als fiktiv entlarvt wurde. Insgesamt waren 331 unterschiedliche Autorinnen und Autoren beteiligt, die 232 Organisationen und Institutionen in 40 Ländern zugeordnet waren.
Mehrere Warnsignale
Das Pharmakon Neuroscience Network fungierte als lose organisierte Zusammenarbeit, vor allem von frühkarrierigen Forschenden wie Postdoktorand*innen und Promovierenden. Die zugehörigen Publikationen wiesen unter anderem folgende Auffälligkeiten auf:
- Förderhinweise auf nicht überprüfbare Organisationen
- Fragwürdige oder nicht verifizierbare institutionelle Zugehörigkeiten
- Ungewöhnlich hohe Zitierzahlen innerhalb kurzer Zeit
- Internationale Vernetzung trotz sehr kurzer Publikationshistorie
„Trotz der deutlichen Zweifel an der Legitimität dieser Arbeiten wurden bislang nur drei Publikationen offiziell zurückgezogen“, so Dr. McIntosh.
Mithilfe der Forschungsplattformen Dimensions und Altmetric von Digital Science verfolgten Dr. McIntosh und ihr Team die weitere Laufbahn der mit dem Netzwerk verbundenen Autor*innen.
„Nachdem das Pharmakon Neuroscience Network 2022 als Fälschung enttarnt wurde, tauchte es zwar nicht mehr in Publikationen auf – viele der beteiligten Forschenden veröffentlichen jedoch weiterhin und erhalten erhebliche Fördermittel für ihre Arbeit“, erklärt sie.
Millionenförderung für laufende Forschung
Von den ursprünglich 331 mit dem Netzwerk verbundenen Forschenden haben inzwischen mehr als 20 Fördermittel als Haupt- oder Co-Projektleitende erhalten, deren Laufzeit 2022 oder später begann. Insgesamt wurden diesen Forschenden seitdem Fördergelder in Höhe von mindestens 6,5 Millionen US-Dollar aus sieben Ländern bewilligt: den USA, Japan, Irland, Frankreich, Portugal und Kroatien sowie ein nicht offengelegter Betrag aus Russland.
Ein Forscher, der an einer der Pharmakon-Publikationen beteiligt war, verfügt sogar über Fördermittel von mehr als 50 Millionen US-Dollar. Ob er wissentlich Teil des Netzwerks war oder die Beteiligung auf frühere studentische Aktivitäten zurückgeht, ist unklar.
„Viele der Forschenden hatten sowohl vor als auch nach Pharmakon Fördermittel erhalten. In den meisten Fällen handelt es sich um legitime öffentliche Gelder, die jedoch sehr unethische Praktiken begünstigen“, so Dr. McIntosh.
„Ein Aspekt, den wir noch weiter prüfen müssen, ist die Möglichkeit, dass einige der Betroffenen nicht wussten, dass sie als Autorinnen oder Autoren in diesem Netzwerk geführt wurden.“
Fünf der geförderten Forschenden hatten vor ihrer Beteiligung am Pharmakon Neuroscience Network nie zuvor Fördermittel erhalten. Erst danach erhielten sie Zuschüsse aus folgenden Quellen (in US-Dollar):
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Science Foundation Ireland: 649.891 US-Dollar
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Portugiesisches Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Hochschulbildung: insgesamt 538.904 US-Dollar
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Croatian Science Foundation: 206.681 US-Dollar
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Russian Science Foundation: Betrag nicht offengelegt
„Hier sehen wir klare Hinweise darauf, dass einzelne Autorinnen und Autoren nach fragwürdigen Forschungs- und Publikationsaktivitäten erhebliche, legitime Fördermittel erhalten haben“, sagt Dr. McIntosh.
„Es ist davon auszugehen, dass ihr Publikationsprofil – unabhängig davon, wie es zustande kam – eine Rolle bei der Bewilligung dieser Fördergelder gespielt hat.“
Der Fall habe weitreichende Auswirkungen auf das gesamte Wissenschaftssystem und zeige den dringenden Bedarf an stärkerer Überprüfung, besserem Monitoring und engerer Zusammenarbeit, so Dr. McIntosh.
„Obwohl die meisten dieser Publikationen weiterhin im wissenschaftlichen Umlauf sind und häufig zitiert werden, blieben Korrekturmaßnahmen bislang begrenzt. Das verdeutlicht, wie schwierig es ist, solche Netzwerke zu adressieren, sobald ihre Arbeiten fest im wissenschaftlichen Publikationssystem verankert sind.“
Empfehlungen
Dr. McIntosh spricht sich für folgende Maßnahmen aus:
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Stärkere Kontrolle, etwa durch die verpflichtende Nutzung verifizierter institutioneller Identifikatoren wie GRID oder ROR, um Zugehörigkeiten eindeutig und nachvollziehbar zu machen.
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Mehr Transparenz, unter anderem durch klarere Angaben zu Autorenschaft und verifizierte Förderhinweise, um die Nachvollziehbarkeit von Forschungsprozessen zu verbessern.
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Verbessertes Monitoring, durch den gezielten Einsatz forensischer Szientometrie, um auffällige Kooperationsmuster oder problematische Autorenschaft frühzeitig zu erkennen.
„Wenn diese Lücken geschlossen werden, können Regierungen, Verlage und Forschungseinrichtungen gemeinsam dazu beitragen, die Integrität des Wissenschaftssystems zu schützen und das Vertrauen in Forschung zu sichern“, so Dr. McIntosh.
Weitere Details zu der Untersuchung finden sich im Blogbeitrag von Dr. McIntosh:
„From Nefarious Networks to Legitimate Funding“.
Über Digital Science
Digital Science ist ein auf Künstliche Intelligenz spezialisiertes Technologieunternehmen, das innovative Lösungen für komplexe Herausforderungen in Forschung, Hochschulen, Förderinstitutionen, Industrie und Verlagswesen entwickelt. In enger Zusammenarbeit mit seinen Partnern trägt Digital Science dazu bei, die globale Forschung zum Nutzen der Gesellschaft voranzubringen. Zum Unternehmen zählen unter anderem Altmetric, Dimensions, Figshare, IFI CLAIMS Patent Services, metaphacts, OntoChem, Overleaf, ReadCube, Symplectic und Writefull.
Weitere Informationen unter digital-science.com sowie auf Bluesky, X und LinkedIn.
Aus dem Englischen übersetzt.