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Holtzbrinck On: Trust
Qualitätsjournalismus ist kein Relikt. Er ist die Zukunft. Und diese Zukunft entsteht genau jetzt.
Vor einigen Wochen hat DIE ZEIT die Mitgliederkartei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) mit einem eigenen Tool durchsuchbar gemacht. Für viele Menschen wurde es damit erstmals möglich, mit nur wenigen Klicks die eigene Familiengeschichte zu recherchieren.
Die Resonanz war überwältigend: Millionen Nutzerinnen und Nutzer interagierten mit dem Tool, es wurde tausendfach geteilt und von breiter internationaler Medienberichterstattung begleitet. Viele Menschen schrieben uns, teilten ihre Geschichten, stellten Fragen und setzten sich intensiv mit ihren Erkenntnissen auseinander. Die NSDAP-Suchmaschine ist damit mehr als nur ein digitales Produkt: Sie hat eine Verbindung geschaffen zwischen Journalismus, Geschichte und persönlicher Identität.
Der Wunsch, die eigene Vergangenheit zu verstehen, die eigenen Wurzeln zu kennen und zu begreifen, was uns geprägt hat, ist universell. Über Generationen und Kulturen hinweg suchen Menschen nach Einordnung und Kontext zu ihrer persönlichen Geschichte. Genau das kann Qualitätsjournalismus im besten Fall leisten. Er hilft uns, nicht nur die Welt um uns herum besser zu verstehen, sondern auch uns selbst. Er gibt Orientierung in Momenten der Unsicherheit. Und er schafft Vertrauen – besonders in einer Zeit, in der Informationen im Überfluss vorhanden sind, Klarheit jedoch knapp ist.
Um das NSDAP-Tool zu ermöglichen, wurden innerhalb kurzer Zeit Millionen gescannter Karteikarten der Partei aus dem US-Nationalarchiv gesichert, mithilfe von KI-Software aufbereitet und statistisch ausgewertet. Dieses Projekt wäre ohne künstliche Intelligenz so nicht möglich gewesen. Der entscheidende Punkt aber ist: KI ist nicht Autorin der Geschichte. Sie hat es uns jedoch ermöglicht, diese Geschichte besser zu erzählen. Sie hat erweitert, was unser Journalismus leisten kann – und wen er erreicht.
Eigentlich, könnte man meinen, dürfte es DIE ZEIT gar nicht mehr geben. In den 1970er-Jahren schrieb sie tiefrote Zahlen. Spätestens Ende der 1990er-Jahre, als das Internet aufkam, waren Branchenexperten überzeugt: Das wird DIE ZEIT nicht überleben. Und doch sind wir heute, 80 Jahre nach unserer Gründung, noch da. Und es geht uns gut.
Das liegt nicht etwa daran, dass wir das Alte so erfolgreich verteidigt hätten. Ganz im Gegenteil. Es liegt daran, dass wir Veränderung als kreative Herausforderung und als Chance verstanden haben, noch besser zu werden.
Wir haben die digitale und mobile Revolution, vom Internet über das Smartphone bis hin zu Social Media, als Chance gesehen, DIE ZEIT neu zu erfinden. Wir haben strategisch investiert, in die Redaktion, in Produkte, Datenkompetenz, Marketing und neue journalistische Formate, während viele Wettbewerber gerade in diesen Bereichen gekürzt haben. So ist aus unserer vermeintlich defizitären Traditionszeitung Schritt für Schritt ein agiles Medienunternehmen geworden, das neue Kanäle nicht beklagt, sondern aktiv mitgestaltet.
Das Ergebnis: Im Jahr 2026 hat DIE ZEIT mehr Abonnentinnen und Abonnenten als je zuvor. Und die Mehrheit liest unseren Journalismus digital oder begegnet ihm auf Instagram, in Podcasts oder auf TikTok.
Doch die nächste Transformation hat bereits begonnen. Wenn man sich die aktuellen Zukunftsprognosen ansieht, ergibt sich für unser Geschäft erneut ein ziemlich beunruhigendes Bild: „Publishers Get Squeezed by AI and Creators“ (Reuters Institute Digital News Report 2026), „The Collapse of Journalism“ (City Journal, 2025), so lauten die Schlagzeilen.
Vor einigen Monaten kam ChatGPT Pulse auf den Markt, ein automatisch generiertes News-Briefing, zugeschnitten auf die individuellen Interessen der User. Pulse ist ein Signal von vielen: KI-Plattformen werden zu neuen Intermediären von Nachrichten und Information. Mit einer Reichweite und Datenmacht, die Qualitätsmedien nicht erreichen können. Zugleich übernehmen sie zunehmend die Kontrolle über die Benutzeroberfläche, den direkten Zugang zum Publikum und darüber, wie Inhalte gefunden, kuratiert und konsumiert werden.
Deshalb wird die Kontrolle über die eigene direkte Nutzerbeziehung ohne zwischengeschaltete Plattformen zur entscheidenden Voraussetzung für Erfolg. Gleichzeitig brauchen wir technologische und kommerzielle Standards für die Nutzung journalistischer Inhalte durch KI-Systeme. Urheberrechte müssen respektiert und durchgesetzt werden. Dafür steht die ZEIT Verlagsgruppe.
Und dennoch sehe ich künstliche Intelligenz vor allem als große Chance für unseren Qualitätsjournalismus. Der Erfolg unseres NSDAP-Recherchetools zeigt das deutlich.
Unser Journalismus lebt von Expertise, vielfältigen Perspektiven und unverwechselbaren Stimmen. Unsere herausragenden Autorinnen und Autoren sind das Alleinstellungsmerkmal der ZEIT. Jeder unserer Podcast-Hosts ist eine eigene Marke. Einige sind zu Stars geworden und haben nahezu Kultstatus erreicht, etwa die Hosts unseres True-Crime-Podcasts ZEIT Verbrechen, der jeden Monat Millionen Hörerinnen und Hörer erreicht. Und wir haben unser noch junges „Team Hochkant“, das auf TikTok postet und bei der jüngeren Generation echten Promistatus genießt.
Wir stehen für einen Journalismus, der erkennbar von Menschen gemacht ist. Das schafft Vertrauen und stärkt wiederum die Bindung an unser Haus. Wir geben Orientierung in unsicheren Zeiten und inmitten einer Flut künstlich erzeugter Inhalte. Das ist unser Fundament, unser strategischer Vorteil. Diesen Vorteil gilt es zu nutzen, mit Innovationskraft und kreativem Gestaltungswillen. Genau hier bieten uns neue Technologien großartige Möglichkeiten.
Wenn wir digitale Technologie konsequent in den Dienst unserer Inhalte stellen, hilft sie uns auch dabei, uns an die sich verändernde Mediennutzung anzupassen und die Leserinnen, Nutzer und Hörerinnen von morgen zu erreichen. Anders gesagt: Wir müssen unseren brillanten Journalistinnen und Journalisten die beste Technologie an die Hand geben, um herausragende und relevante Geschichten zu erzählen.
Aktuelle Studien zeigen, dass wir junge Menschen über die Printausgabe und auch digitale Abonnements nur begrenzt erreichen. Das Bild verändert sich jedoch deutlich, sobald wir Social Media, Video und Podcasts einbeziehen: Über diese Kanäle erreichen wir ein außergewöhnlich junges Publikum. Deshalb ist unsere Entwicklung in den letzten Jahren auch eine Transformation hin zu audiovisuellen Inhalten.
Unser Kern bleibt textbasierter Journalismus. Aber wir ergänzen ihn zunehmend um audiovisuelle Formate wie Podcasts und Video. Auf diese Weise erreichen wir unsere Nutzerinnen, Hörer und Leserinnen entsprechend ihrer persönlichen Medienpräferenz. Und wir können dafür sorgen, dass unsere Inhalte in ihren Alltag passen. Auch dabei kann KI uns unterstützen und helfen, unseren Journalismus in verschiedene Formate oder Sprachen zu übertragen.
Wofür steht unser Journalismus in der Medienlandschaft von morgen? Was erwarten unsere Leserinnen und Leser von uns – heute und in Zukunft? Jede neue Technologie fordert uns heraus, diese Fragen zu beantworten. Das gilt ebenso für größere gesellschaftliche Entwicklungen, etwa den wachsenden Vertrauensverlust in die Medien.
Diese Entwicklungen brechen nicht wie eine Naturgewalt über uns Publisher und Medienmacherinnen herein. Wir entscheiden, was wir aus den neuen technischen Möglichkeiten machen und wie wir sie am besten für uns und für unseren Journalismus nutzen. Wenn wir unsere Stärke in der Entwicklung redaktioneller Angebote mit technologischer Exzellenz verbinden, schaffen wir die besten Bedingungen dafür, dass unsere Journalistinnen und Journalisten ihre großartigen, unverwechselbaren, menschengemachten Geschichten erzählen können. Auf jeder Bühne, die die Medienwelt von morgen bereithält.
Bei Holtzbrinck erkunden wir, wie Technologie die Reichweite und Wirkung vertrauenswürdiger Inhalte erweitern kann. Indem wir Journalismus, Wissenschaft und Bildung verbinden, können wir Zielgruppen auf neue Weise erreichen. Was wir aufbauen, ist nicht nur die Zukunft einzelner Marken, sondern ein breiteres Ökosystem aus Wissen und Storytelling, das informiert, inspiriert und Orientierung gibt.
Auch für die nächsten 80 Jahre.
Nils von der Kall ist CEO der ZEIT Verlagsgruppe, einem der führenden Medienunternehmen Deutschlands und Teil des Holtzbrinck-Netzwerks.